Lernen am anderen Ort

„Die Kinder von Auschwitz“

„Lernen am anderen Ort“ („LAAO“) sollte häufiger stattfinden – so meine Erkenntnis nach dem Ausflug mit der Klasse 9a am 05. September 2019. An diesem Tag empfing ich meine Schüler um 10 Uhr vor der Turnhalle. Lediglich zweieinhalb Stunden mussten sie in der Schule verbringen.

Mit dem Zug fuhren wir nach Gotha und allein die Erlebnisse während der Fahrt und nach der Ankunft am Hauptbahnhof gehören der Rubrik „LAAO“ an. Darüber hier zu berichten, würde mich aber nicht zum eigentlichen Thema kommen lassen.

Nach einem Spaziergang bei herrlichem Spätsommerwetter durch den Gothaer Park empfing mich im „Tivoli“ Alwin Meyer, der Autor des Buches „Vergiss deinen Namen nicht! Die Kinder von Auschwitz“, mit den Worten: „Ihre Klasse ist heute die einzige im Saal. Ich bitte Sie zu verhindern, dass nur die letzten Reihen belegt werden. Ich möchte die Schüler direkt vor mir haben. Und noch etwas: Die Buchlesung dauert eine Stunde.“ Wahrscheinlich sah er die Skepsis in meinem Blick, denn er ergänzte: „Warten Sie mal ab!“ Mir blieb gar nichts anderes übrig, als abzuwarten. Vorstellen konnte ich mir nicht, dass meine Schüler es schaffen würden, 60 Minuten zuzuhören, ohne ein Wort sagen zu dürfen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Mit großen Augen und sehr aufmerksam – ja, liebe Kollegen, sehr aufmerksam – folgten die Jugendlichen den Erzählungen des Schriftstellers. Er teilte uns mit, dass er seit 1972 auf der ganzen Welt auf der Suche nach den Kindern ist, die Auschwitz überlebt hatten. Anlass, mit dieser Recherche zu beginnen, gab ihm ein Besuch im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort berichtete ein ehemaliger Häftling vom Leid der Säuglinge und Kinder. Alwin Meyer wusste nach seine Rückkehr nach Deutschland, dass er sie suchen wollte, die Kinder von Auschwitz. Nahezu ein halbes Jahrhundert ist er nun schon unterwegs. Er redete einfühlsam mit den Menschen und gewann ihr Vertrauen. Manche erzählten zum ersten Mal vom Leben im Lager. Viele Jahrzehnte hatten sie geschwiegen.

Es gelang dem Autor, meine Schüler zu fesseln. Er las nicht nur aus seinem 750 Seiten umfassenden Buch vor, sondern untermauerte das Gesagte mit Kinderfotos der Überlebenden. Leider schafften es zwei Jungen der 9a nicht, sich länger als 50 Minuten zu konzentrieren. Sie sprachen miteinander – leise zwar, aber doch störend – lachten (völlig unpassend bei diesem Thema) und ich sah ihnen an, dass ihre Aufmerksamkeit am Ende war. Für mich als ihre Lehrerin war es peinlich, als der Autor einen der beiden Störer mit den Worten: „Ich würde mich gern mit dir unter vier Augen unterhalten und erfahren, warum du während meines Vortrags lachen musstest.“ ansprach. Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Natürlich hatte der Schüler nicht den Mut, mit dem Autor persönlich zu reden.

Alle anderen 18 Mädchen und Jungen verdienen ein großes Lob. Ich bin stolz auf sie, stolz vor allem auch darauf, dass sie nach der einstündigen Buchlesung noch Fragen stellten und damit bewiesen, dass das Gehörte sie aufgewühlt hat. Jonas´ Frage wäre auch meine gewesen: „In welcher Sprache unterhielten Sie sich mit den Menschen; hatten Sie einen Dolmetscher dabei?“ (Antwort: „Selten. Ich spreche ganz gut englisch und das funktioniert meistens. Manche beherrschen auch die deutsche Sprache. Einige lehnten aber das Kommunizieren in dieser Sprache ab.“)

Im Anschluss an die Buchlesung schlenderten wir durch die Ausstellung und erkannten die Kinder wieder, die Alwin Meyer in seinem Vortrag erwähnt hatte. Schön fand ich auch, dass einige Schüler noch ein paar Minuten mit dem Autor plauderten.

Wer sich für das Buch „Vergiss deinen Namen nicht! Die Kinder von Auschwitz“ interessiert, kann sich an mich wenden, denn es wurde uns für die Schulbibliothek geschenkt.

A. Gensel

 

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